Gedanken hinter dem DJ-Pult – Volume 6: 20 Jahre Techno – sind wir wirklich schon so “alt”?
gepostet von chris am 2. November 2011
So, ihr lieben electrovaganten Leser! Long time no read! Daher höchste Zeit euch mal wieder mit einer Kolumne, meinen sogenannten Gedanken hinter dem DJ-Pult, zu versorgen. Bedingt durch meine Schreibpause der vergangenen Monate und den bevorstehenden Anlass diesmal gerne auch etwas länger. Daher viel Spaß beim Lesen!
Wie ihr sicherlich schon mitbekommen habt, feiern wir diesen Monat in der Diskothek Zwei in Mannheim „20 Jahre Techno im Delta“. Die Homepage www.technoimdelta.de mit den ersten Früchten dieser Fleißarbeit ist dazu schon online. Auch wird zu einer Ausstellung im Rahmen der „Langen Nacht der Museen“ 2012 eine Dokumentation zu „20 Jahre Techno im Delta“ erscheinen.
Nun stellt euch vor, obwohl ich bei der Ankündigung dieser Veranstaltung im aktuellen MEIER zu den „jüngeren DJs“ gezählt werde (Danke für das Kompliment – Johannes!), kam auf einer Party letztens ein Newcomer-DJ auf mich und meine Freundin zu und meinte, dass er ja soviel von uns lernen könne. Denn wir seien ja mindestens 20 Jahre älter als er!!!??? Auf einer anderen Party fragte einmal eine Feierkollegin meine Freundin: „Sind Sie die Frau vom Cana-pé? Legt er heute noch hier auf?“… also, ich muss schon sagen, dass man sich da langsam ein bisschen alt vorkommt.
Aber so lange wir nicht zu alt sind, ist ja alles in Ordnung – also so lange es für die Clubs keine Altersbegrenzung nach oben gibt und sie irgendwann sagen: „Hey Alter, du kommst hier nicht mehr rein.“ Denn dann sind wir wirklich alt. Da ich aber schon manchen Versicherungsvertreter über die Tanzfläche hüpfen gesehen habe und mich beispielsweise auch sehr freue, wenn ich Erwachsene (also etwas ältere Leute) Techno tanzen sehe, glaube ich kaum, dass so etwas in der elektronischen Musikszene passieren wird. Denn das tut der Sache ja keinen Abbruch. Und ehrlich gesagt, bewundere ich es sogar sehr, wenn manche Tänzer so lange durchhalten und es so genießen wie die Jugend. Die werden nicht alt, sind immer dabei und das ist gut so.
Was will man aber sonst noch zu 20 Jahre Techno sagen? Es ist eine runde Sache und passt zum 4/4-Takt. Denn es gibt sozusagen eine Konstante, die läuft seit 20 Jahren durch wie eine Bassline und dann gibt es Elemente, die kommen und gehen. Manche Clubs konnten und durften sich halten, andere konnten bzw. durften sich eben nicht halten. Viele hatten ihre Höhen und Tiefen. Aber das hängt dann auch vom Club ab, ob er solche Tiefen abfangen kann. Dann habe ich natürlich in 20 Jahren Techno schon viele DJs kommen und gehen gesehen genauso wie ich Bässe kommen und gehen gehört habe. Wenn man immer dabei geblieben ist und es konstant macht, was ja auch das Schöne daran ist (da bin ich ganz schön leidenschaftlich), gibt es einige Leute, die es genauso konstant machen, aber auch viel Spreu zwischen dem Weizen.
Ich für mich höre Techno jedenfalls noch genauso wie damals. Vielmehr würde ich sogar sagen, dass mich dieses Hören sensibilisiert hat. Denn es ist ein ganz anderes Hörempfinden, man hört sozusagen mit anderen Ohren. Es ist der treibende 4/4-Takt, also die straighte Bassdrum, die immer noch funktioniert und der Rest ist extravaganter, weiter, offener, klangreicher und facettenreicher geworden. Ich lege mich ja auch auf keine Stilrichtung fest. Für mich ist es immer noch elektronische Musik, die stimmungstechnisch angepasst ist, wenn der DJ gut ist. Insgesamt ist es von den verschiedenen Facetten von Techno von den ersten Quietsche-Geräuschen zum heutigen Techno ein ganz schöner Fortschritt, obwohl das Grundprinzip gleich geblieben ist.
Dabei habe ich mich selbst ja in meiner Anfangszeit von einem Breakbeat- zu einem Techno-DJ gewandelt. Denn mir hat es einfach Spaß gemacht, Platten ineinander zu mischen, wohingegen Breakbeats eher mit kurzen Übergängen zu mischen waren und sich damals irgendwann zu sehr darken und gar nicht mehr so fröhlichen Jungle entwickelten.
Sam Oath, einer der Verantwortlichen des „20 Jahre Techno im Delta“-Projekts im Zusammenhang sieht die Entwicklung der Techno-Szene in Phasen. So habe es seinem Verständnis zufolge nach der anfänglichen Aufbruchstimmung und folgenden Blütezeit ab ca. 1998 eine Überreizung, ja sogar ein Abstieg von Techno bis ca. 2006 gegeben, nur um dann als Kunst verstanden wieder neuen Zulauf zu bekommen und sich weiter zu ästhetisieren. So konnte ich ebenfalls an einem Moment im Nachtleben durch den Bekanntheitsgrad von Techno und der damit gewonnenen Neugier einen Zustrom von Leuten bemerken. Damals waren viele da, von denen man gar nicht wusste, ob sie überhaupt in die Szene passten. Oft hat man dann gemeint, das wären Zivis. Doch irgendwann haben diese Leute dann wieder das Interesse verloren und sind dann nicht mehr gekommen, so dass die Szene wieder unter sich war und auf sich konzentrierte.
20 Jahre Techno und jetzt? Ich bin gespannt, ob es in 20 oder 30 Jahren immer noch Vinyl-DJs geben wird, wenn wir 50 Jahre Techno feiern. Das würde mich wirklich interessieren. Ich glaube, es wird immer einen Markt geben. Denn selbst im Klassik-Bereich gibt es richtige Liebhaber, die auf Vinyl schwören und sich Klassik in ganz besonderen Presswerken extra auf Vinyl pressen lassen, nur um es auf Vinyl hören zu können. Das ist also nicht tot zu kriegen. Keine Chance. Ich frage mich nur, wie dann in 50 Jahren das technische Interesse unter den DJs verteilt sein wird. Wie ich auch schon in einer anderen Kolumne einen Kollegen zitierte, finde ich: „Wichtig ist das, was vorne dabei herauskommt.“ Und wenn das Musikgespür nicht da ist, dann hilft auch die allerbeste Technik nichts.
Musikalisch wird es neue Sounds geben. Denn es wird effektiver. Ich habe mal eine Star-Trek-Folge gesehen, in der mit abstrakten Klängen ganz futuremusikmäßig versucht wurde, Zukunftsmusik zu spielen. Ich bin mal gespannt, ob es abstrakter wird oder ob es vielleicht auch wieder zurückgeht zur einfachsten Melodie. Man weiß nicht, wohin die Reise geht. Es bleibt also weiterhin spannend. Einfach auf sich zukommen lassen wie die Musik selbst. Live your life as it comes.
So long,
wir sehen uns am 12. im Zwei,
liebe Grüße euer Cana-pé
















