Interview mit Dr. Motte
gepostet von chris am 15. April 2011
Musik als soziale Verantwortung – Dr. Motte ist eine feste Instanz der weltweiten elektronischen Musik- und Clubkultur, eine Galionsfigur der deutschen Technoszene und weltweit als Botschafter des brillianten Sounds und der elektronischen Musik unterwegs. Ob im kleinen Underground-Club oder auf GroĂźevents, die ganze Welt ist willkommen Teil seiner musikalischen Mission zu sein. Am Ostersamstag, dem 23.04.2011, macht Dr. Motte Station im Musikpark Speyer. Grund genug fĂĽr uns von Electrovagant, ihn einmal genauer zu seinem derzeitigen State of the Art zu befragen.
Lieber Dr. Motte, zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Da du am Ostersamstag im Musikpark in Speyer auflegst, nutzen wir gerne diesen Anlass, um dir ein paar Fragen zu stellen. Als eigentlicher Gründungsvater der Loveparade blickst du auf ein trauriges Jahr 2010 zurück. Wie hast du die Katastrophe von Duisburg erlebt?
Dr. Motte: Ich habe die Katastrophe nicht erlebt. Ich war in Berlin und von den Nachrichten schockiert.
Wie wir gelesen haben, hast du zusammen mit ein paar anderen Menschen eine Stiftung zu Gunsten der Loveparade-Opfer ins Leben gerufen. Wird in deinen Augen genügend zur Aufklärung dieses Unglücks und zur Unterstützung der Opfer getan?
Dr. Motte: Die Duisburger Loveparade-Katastrophe wird leider in der Öffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen. Aus der Sicht der Opfer ist dies ebenfalls eine Katastrophe, weil der Prozess der Entschädigung viele Jahre dauert und eine öffentliche Begleitung des Umgangs mit den „opfern“ nicht stattfindet.
Was wird dieses Jahr mit der Loveparade sein? Wird es eine Antwort auf diesen – wir nennen es mal 9-11 der Techno-Szene – geben? Irgendetwas, was zeigen lässt, dass die Techno-Szene lebt und sich nicht unterkriegen lässt?
Dr. Motte: Gibt es irgendjemanden in Deutschland, der auf dem Rücken dieser Tragödie wirklich eine kommerzielle „Loveparade“ abhalten kann? Die elektronische Musikfamilie sollte in guten wie in schlechten Zeiten zusammenhalten. Eine vergleichbare Parade braucht erst ein neutrales Korrektiv. Jede Mutter oder jeder Vater würde unter diesen Voraussetzungen niemals ihre oder seine 16-jährige Tochter zu so einer Veranstaltung gehen lassen.
Im Allgemeinen bist du ja dafĂĽr bekannt, dass du Musik unter einem spirituellen Charakter und dem Aspekt der sozialen Verantwortung siehst. Was bedeutet fĂĽr dich Musik?
Dr. Motte: Musik bringt die Menschen zusammen und eint sie unter dem Schirm der Musik. Die elektronische Musik ist die Kultur der Offenheit, Aktzeptanz und des friedlichen miteinander Tanzens.
Und was können wir dann am 23.04.2011 in Speyer musikalisch erwarten?
Dr. Motte: Ich bringe die besten und heißesten aktuellen Tracks mit und freue mich auf eine schöne Feierei.
2010 hatte für dich trotz allem auch einige positive Ereignisse. Neben deinem 50. Geburtstag hast du auch deine „Silberhochzeit mit den Turntables“, wie du dein 25jähriges DJ-Jubiläum liebevoll umschreibst, gefeiert. Wie siehst du also die Szene – damals, ihre Entwicklung und heute?
Dr. Motte: Alles entwickelt sich weiter. Die musikalischen Möglichkeiten sind aber noch lange nicht ausgeschöpft. Wer hätte gedacht, dass diese Kultur – und sie besteht mindestens seit den frĂĽhen 70ern – jetzt eine weltweite und wie ich finde zu schĂĽtzende Kultur ist.
Darüber hinaus hast du 2010 mit „Praxxiz“ ein neues Label in die Wiege gehoben. Was macht die Philosophie deines neuen Labels aus?
Dr. Motte: Wir lieben elektronische Musik und möchten eine Plattform und ein Experimentierfeld eben dieser Musik unter fairen Bedingungen anbieten.
Inzwischen sind dort zwei Releases, zwei Kollaborationen von dir mit anderen Größen der Szene, einmal mit DJ Dag und zum anderen mit Robert Babicz, erschienen. Welche Pläne hast du mit deinem Label für den Rest dieses Jahres?
Dr. Motte: Nächste Releases werden weitere Kooperationen mit anderen Produzenten sein wie auch eine Reihe von DJ-Mixes, die dann als Doppel-CD im Handel erscheinen werden.
Wo wird man dich dieses Jahr neben Speyer sonst noch zu hören bekommen? Stehen neben deinen nationalen und internationalen Auftritten auch weitere Gigs im Südwesten Deutschlands an?
Dr. Motte: Meine aktuellen Termine findet ihr unter www.drmotte.de.
Hast du sonst noch etwas auf dem Herzen, was du unbedingt an die Leser von Electrovagant oder deine hiesigen Fans loswerden möchtest?
Dr. Motte: Ich bringe es mal auf den Punkt. Eine Kultur wie die elektronische Musik hat durch den gemeinnĂĽtzigen Verein, bei dem ich Ehrenvorsitzender bin, in Deutschland endlich eine Rechtsform gefunden, um sich sowohl gegenĂĽber der Politik und in der Gesellschaft, in der wir leben, bemerkbar zu machen und fĂĽr seine Ideale bestimmte Rechte einzufordern als auch Programme zur Förderung, Pflege und Darstellung genau dieser Kultur und des damit verbundenen LebensgefĂĽhls gerecht zu werden. www.electrocult.de – jeder, der diese Idee unterstĂĽtzen will, ist herzlich eingeladen, Fördermitglied ab €1,00 zu werden.


















