Gedanken hinter dem DJ-Pult – Volume 3: Warum tanzen wir eigentlich oder die prometheische Ekstase
gepostet von chris am 28. März 2011
So Ihr Lieben, nachdem wir uns in meinen ersten beiden Kolumnen der Aufgabe des DJs und dem Vinyl als dessen Handwerkszeug gewidmet haben, richte ich meinen Blick nun vom DJ-Pult aus in Richtung Tanzfläche und hinterfrage, was dort so vor sich geht bzw. warum der Mensch eigentlich tanzt.
Zunächst einmal ist Tanzen für mich Selbsterfahrung in Körper und Geist. Durch Eindrücke, die von außen kommen, plus Eindrücke, die von innen kommen, entsteht, erlebt und erfährt man den Tanz. Das Ganze hat dabei speziell mit Techno eigentlich gar nicht so viel zu tun. Denn es gibt ja auch andere Musik, auf die getanzt wird und das in unterschiedlichen Formen in unterschiedlichen Kulturen. Das Interessante beim Tanzen ist dabei für mich, dass Groß und Klein, das heißt egal in welchem Alter, egal in welcher Gruppe, egal welchen Charakters – auf Rhythmus, auf Harmonien und Melodien reagiert jeder irgendwie gleich. Im Rhythmus der Musik wird ein Bewegungsdrang ausgelöst, durch den sich dann das kleine Kind, der ältere Herr oder der Senior beginnt zu bewegen. Vor vielen Jahren habe ich einmal in einem Behindertenheim in Genf gearbeitet. Da habe ich erfahren, dass Musik wirklich jeden anspricht und Techno doch etwas Gutes sein muss. Denn zufällig hatte ich damals auf der Heimanlage ein Mix-Tape kopieren wollen, natürlich ganz leise. Aber da sind dann plötzlich alle Heimbewohner ganz neugierig an die Lautsprecherboxen herangerückt, haben sich vorne dran gestellt und haben angefangen zu tanzen. Alle fanden das ganz toll und das war wirklich ein tolles Erlebnis, eines meiner ganz besonderen Schlüsselerlebnisse.
Techno, im Besonderen die Tribal- und die perkussive Richtung, ist eben eine sehr rhythmische Musik, die zum Tanzen antreibt. Da juckt normalerweise das Bein und wer da nicht zuckt, hat einen anderen Musikgeschmack, sag ich jetzt mal ganz lieb.
Und irgendwann passiert es dann. Auf der Tanzfläche in einer Menge von Leuten. Man erlebt einen höheren Moment, wo man sagt, wow, es war geil, es hat geschickt, es hat geknallt oder es hat einfach nur „bang“ gemacht. Das sind dann Ansätze oder Momente der prometheischen Ekstase, jenes höheren Bewusstseinsmoments, bei dem alles stimmt und den man nur schwer mit Worten beschreiben kann. Der Begriff der prometheischen Ekstase ist kein Begriff, den ich erfunden habe, sondern er ist ein Begriff der Psychoanalyse und geht zurück auf Stanislav Grof, der sich mit der Erforschung außergewöhnlicher Bewusstseinszustände beschäftigt und verschiedene Arten von Ekstase, darunter die prometheische, unterscheidet. Auf jeden Fall geht dieser Art von Ekstase eine lange Suche voraus, wobei ich für mich dazu immer gesagt habe: Ich habe das gefunden, was ich wollte, ohne zu wissen, dass ich es brauchte oder jemals gesucht habe. Der prometheische Moment ist dabei ein Moment, der über sich hinaus geht und ein Gefühl der Ekstase auslöst. Jeder kann dabei ganz für sich in einem ganz speziellen Moment, der auch nur für ihn gedacht ist, seine prometheische Ekstase erfahren.
Interessanter Weise werden ja auch viele Menschen in Tanztherapie geschickt, um das zu erfahren, was bei uns beim Tanzen zur elektronischen Musik viele freiwillig bzw. automatisch tun. Denn im Tanzen kann man sich mit der Umwelt erfahren. Man kann zusammen mit anderen Menschen ein Gemeinschaftsgefühl und -erlebnis haben und ab einem gewissen Punkt merken, dass man zusammen mit ihnen in der Musik „drin“ ist und sich in ihr voll und ganz fallen lassen kann. Zufällig habe ich in Heidelberg auch einmal eine Frau kennen gelernt, die über „Heilung durch Tanz“ einen Vortrag gehalten hat. Die konnte mir das bestätigen.
Tja, und da lob ich mir doch die Techno-Leute. Denn Tanzen ist eine schöne Sache, eine wundervolle Sache, ja fast sogar die schönste Sache und sie dient dem Allgemeinwohl. Und ehrlich gesagt, sind mir Leute, die aus irgendwelchen selbst erfahrenden Gründen auf die Tanzfläche schwirren, tausend Mal lieber, als irgendwelche Kids, die anfangen, ältere Herren zu überfallen, weil sie gerade mal nichts besseres zu tun haben. Da finde ich sogar eine solche Einstellung zum Tanzen und zur Musik richtig gut. Zumal man ja auch ein solches Erlebnis oft in den Alltag mitnimmt und damit den Alltag belebt. Es soll ja auch tatsächlich Leute geben, die beispielsweise ihren Namen rhythmisch in die Tastatur tippen. Also ja, ich würde sagen, Techno belebt!
In diesem Sinne,
liebe Grüße Euer Cana-pé


















