Interview mit Stefano Libelle
gepostet von chris am 4. Januar 2010

Lieber Stefano, Du wurdest in den 90er Jahren von der lokalen Szene in Mannheim, hier zu nennen Milk! und mehreren Clubs in Frankfurt inspiriert überhaupt selbst aufzulegen. Beschreib doch einmal diese Phase und wie bist Du zur elektronischen Musik gekommen?
Stefano Libelle: Im Prinzip hatte ich mich bereits zuvor für elektronische Musik interessiert, ungeachtet dessen das so etwas in einer Disko / einem Club irgendwann mal in einer solchen Form stattfinden würde. Im Nachhinein betrachtet war es natürlich ein durchlaufender Prozess, eine Multiplikation gängiger Diskothekensounds, wo man ja noch kreuz und quer durch die verschiedensten Musikrichtungen „zappte“, Disko, Wave, EBM, Acidhouse… erste erstandene LPs, Maxis und Sampler aus dem Dance-Bereich für den Hausgebrauch und später dann natürlich diese vordergründige, „dubbige“, „straighte“ und hypnotische Energie die sich immer mehr in Vordergrund spielte. Die Sammelleidenschaft kostete einem natürlich ein Vermögen da es sich ja meist um Importe aus U.K. oder U.S.A. handelte. Läden wir das House in Dossenheim, das Milk! und die Frankfurter Clubs wie das Omen, XS und das Dorian Gray haben wir damals natürlich recht regelmäßig besucht. Richtig „geflashed“ hat mich dann der Orbit in Leeds, diverse Clubs in London und natürlich Berlin. Das E-Werk ist heute immer noch mein Lieblingsladen, 1997 konnte ich da sogar mal spielen. Zum Auflegen bin ich eigentlich eher zufällig gekommen, soweit hatte ich damals noch gar nicht gedacht wobei es mich natürlich schon interessierte wie dieser Verschmelzungsprozess vor sich ging. Zu dieser Zeit waren DJ Shar-Pei (Happy Breaks DJ) und ich oft zusammen unterwegs, zuhause haben wir dann mit einer Stereoanlage mit integriertem Wackelkontakt am Schalter wo man von Phono auf Tape umstellt und man beides gleichzeitig hören konnte, herumexperimentiert und die Platten mit der Hand mitgedreht bis es dann gepasst hat. Es gab zu dieser Zeit zwei Brüder Namens Josenhans und die wollten bei uns in Weinheim eine Party veranstalten, Linie 26 hieß der Laden. Na ja, jedenfalls waren die beiden Zwillinge und beide locker über zwei Meter groß und der dritte Mitveranstalter wurde kurzfristig krank, da haben sie mich gefragt ob ich nicht auflegen wolle. Ich sagte warum nicht und so kam ich zu meinem ersten Gig der besonderen Art. Ich stand zum ersten mal in meinem Leben hinter zwei Technics Plattenspielern und einem Mischpult, die beiden Riesen hatten gedacht sie wären ganz schlau und haben die Decks auf zwei Bistrotische gestellt… das Ende vom Lied war das ich auf zwei Bierkisten hin und her balanciert bin… muss ziemlich dämlich ausgesehen haben aber dieser Abend blieb lange legendär. Schon bald darauf veranstaltete ich zusammen mit Shar-Pei und anderen DJs die ersten eigenen Partys, z.B. im Weinheimer Coco Loco, in unserer Off-Location in Muckensturm oder auf der Wachenburg Weinheim, als „Geburtstagsparty“ getarnt und auf der auf einmal 600 Leute standen…
In welcher Weise hat Dich der Sound der Berliner Künstler DJ Disko oder Paul van Dyk inspiriert?
Stefano Libelle: Das sind für mich zwei der konstantesten DJs überhaupt gewesen. Anfang der 90er sind wir regelmäßig nach Berlin gefahren, Turbine, UFO, E-Werk, Exit, Walfisch, Tacheles und wie die Clubs alle hießen. Damals habe ich die Jungs sehr oft gehört und dann den Hut gezogen kann man sagen. Geniale und doch sehr unterschiedliche Musik an sich zwischen den beiden aber zusammen mit Kid Paul, DJ Spezial und noch ein paar anderen Acts und DJs immer wieder ein Genuss stundelanger energiegeladener Sets aber das ist eben auch schon sehr lange her. Die meisten der oben genannten Kollegen gibt es ja schon lange nicht mehr in ihrer ausgeübten Tätigkeit als DJ und Paul van Dyk ist irgendwann in eine andere, für mich nicht mehr interessante Richtung gegangen. Am Anfang, kann man sagen, hatten viele DJs doch schon auch einige Überscheidungen in ihrer Plattenauswahl – das hatte sich damals eher nach Stadt als nach Sparten unterschieden. House, Breakbeats, Rave, Techno, Acid, Trance, das war im Prinzip egal und für mich hatte sich dann auch bald die herüber geschwappte Nische „Progressive House“ aufgetan. Labels wie Guerilla Records, Limbo, Hard Hands, Jackpot oder auch Zoom haben dann tiefe Spuren bei mir hinterlassen, ich würde sagen das sind sozusagen meine maßgeblichen Roots was den Sound betrifft…
Für all diejenigen, welchen Deinen Stil noch nicht kennen, wie würdest Du diesen beschreiben? Was legst Du alles auf?
Stefano Libelle: Dem Progressive bin ich dann eine ganze Weile treu geblieben, diese Musik hatte noch immer den „free spirit“ an sich, dubbig aber auch mal mit Vocals und „epic“ natürlich, während House eher in die Handtaschen-Schublade abgedriftet ist und Techno schon deutlich experimenteller, „darker“ und härter wurde. Das ganze dann gemischt mit den alten Scheiben von Strictly Rhythm und anderen eher etwas roheren Tracks aus Chicago, New York usw. aber auch die Holländer hatten damals schon ne gute Welle. Über Elektro, Techhouse und Techno bin ich nun seit geraumer Zeit wohl bei Techhouse im weitesten Sinne gelandet. Wenn mich jemand konkret fragt dann sage ich eigentlich immer nur House und Techno denn so ganze genau kann man das heutzutage nicht mehr in einen einzelnen Überbegriff stopfen (muss man ja aber auch nicht). Minimal z.B. kann ja durchaus House und Techno sein, wobei dieser Begriff nicht nur ausgelutscht sondern eben auch meistens noch völlig unpassend ist…. Minimal gab`s ja auch schon mal in den 90ern. Musik entwickelt sich eben wie das Leben in Zyklen und alles vermischt eigentlich immer wieder aufs Neue und das macht und hält es ja auch für uns immer wieder interessant. Wirklich neu und bahnbrechend sind heutzutage die technischen Möglichkeiten die man dazugewonnen hat, sei es nun Ableton live oder ähnliches im Producer-Bereich oder Traktor im DJ-Bereich.
Du bist nun ein lokaler Held in unserer Rubrik „Local Heroes“. Wie gehst Du mit dieser Ehrung um? *g*
Stefano Libelle: Zum einen natürlich erstmal ein Dankeschön für die Anfrage, ich fühle mich geehrt und hoffe euch ein paar interessante Informationen über mich liefern zu können. Ansonsten muss auch mal gesagt werden das wir hier in unserer Region eine sehr starke Riege an „local heroes“ am Start haben, das fällt mir immer wieder auf im Vergleich mit anderen Städten/ Großstädten oder bei verschiedenen Mixen die einem so nebenbei in die Hände fallen.
Viele möchten gerne wissen, wie es bei den einzelnen Künstlern mit Geld verdienen aussieht, wie ist das denn bei Dir, finanzierst Du mittlerweile Deinen Lebensunterhalt vom Platten auflegen?
Stefano Libelle: Nein das tue ich nicht, ich habe einen normalen Job und das ganze Ding sehe ich auch immer noch primär als meine Leidenschaft und mein Hobby an, bei dem ich mal mehr oder weniger entlohnt werde und das ich auch weiterhin noch mit Spaß ausüben kann. Dazu gehört natürlich nebenbei auch noch ein Bisschen Glück und bleibt vielleicht dem ein oder anderen wohl auch in ähnlichem Maße verwehrt. Natürlich entstehen hier eben auch ab einer gewissen Professionalität recht hohe Kosten die es abzufangen gilt.
Es gibt viele die Mannheim im gleichen Atemzug mit Berlin bezüglich elektronischer Hochburg nennen, wie siehst Du diese Entwicklung?
Stefano Libelle: Also im Prinzip kann man beide Städte wenn überhaupt dann nur teilweise miteinander vergleichen. In Berlin stehen die besten, renommiertesten und meisten Clubs Deutschlands oder gar Europas. Da schielt jeder hin. Dafür ist die Stadt auch relativ bunt was die ganze Musikvariation, Subkulturen und Menschen betrifft, viel empfänglicher für neues, aufregendes. Viele der internationalen Größen wohnen ja schon über Jahre hinweg in Berlin – die Stadt bzw. deren Nachtleben scheint völlig autark, so eine Bar 25 würde es hier in Mannheim vermutlich niemals geben… generell sind die Vorgaben vom Vater Staat was das „Nightlife“ betrifft und gerade in BaWü eigentlich völlig spießig und nicht gerade förderlich, so hat ein SOHO z.B. immer noch (und das schon seit 8 Jahren) nur zwei Mal im Monat die Genehmigung bis 5 Uhr geöffnet zu haben, ansonsten geht`s nur bis 3 Uhr und das ist ja wohl echt ein Witz…
Stefano Libelle: In Mannheim spielt dafür derzeit die Musik, viele gute und weltweit anerkannte Produktionen haben hier ihren Ursprung, Labels wie Cècille, 8Bit und Oslo waren die drei Vorreiter des so genannten „Rhein-Main-House“, weitere folgten wie z.B. Percusa Records (u.a. von Jay Edit) aus dem Mannheimer Jungbusch und weitere werden sicher noch folgen. Klar, der Fokus liegt derzeit durchaus hier auf unserer Stadt… und Frankfurt natürlich. Einige Künstler die auf den oben genannten Labels veröffentlichen sind ja aus dem Rhein-Main Gebiet. Allerdings sieht es was die eher unkommerziellere Clublandschaft betrifft etwas dürftig aus. Außer Loft, Zimmer, SOHO, 2 Raum gibt es da ja nicht wirklich viel zu nennen – das war irgendwie mal anders und widerspricht dem obigen natürlich enorm. Es gibt einige lokale Versuche etwas auf die Beine zustellen bisher leider aber meist mit weniger Erfolg, da trumpfen dann doch eher noch die sporadischen Partys auf, wie z.B. die Kopfüber durch die Nacht – Geschichten oder auch die „Minimalistica“ jeweils in diversen Locations. Schade auch das viele Leute lieber weitere Strecken in Kauf nehmen und z.B. nach Frankfurt fahren anstatt hier feiern zu gehen, das bekommt dem Ganzen natürlich auch nicht wirklich. In Frankfurt ist halt um 5 Uhr nicht Schluss… nicht mal in Kaiserslautern und wir reden hier über Mannheim die Metropolregion wie es immer so schön heißt.
Heidelberg sollte man an dieser Stelle natürlich auch noch erwähnen, hier gibt ebenso das eine oder andere interessante Club-Ding bzw. Projekt.
Du kommst viel herum, legst u.a. im Chàteau Knarz in Ulm auf oder bei den Hertzmusikern in Kaiserslautern. Hast Du einen Lieblings Club in der Region?
Stefano Libelle: Bei den regelmäßigen Sachen handelt es sich in der Regel immer um Clubs in denen ich sehr gerne auflege, schwierig da einen rauszudeuten aber der neue Club Audion in Saarbrücken sollte an dieser Stelle unbedingt mal erwähnt werden, auch das Bukowski in Heilbronn hat mich durchaus sehr positiv überrascht. Klar, die Hertzmusiker Events in Kaiserslautern sind natürlich auch immer eine Reise wert, dort bin ich auch in der Agentur und mit den Jungs auch gut befreundet. In Karlsruhe spiele ich z.B. immer in wechselten Locations – hat auch was und dort ist zurzeit auch gerade einiges an Bewegung drin. Und: das „Saphir“ in Grünstadt sollte man mal gesehen und erlebt haben, da bin ich im November wieder bei „ a place called funky“!
Des Weiteren bist Du Resident im Ludwigshafner Loft-Club. Abgesehen von den richtig großen Bookings, was unterscheidet den Loft-Club von anderen Clubs aus der Region, Deiner Meinung nach?
Stefano Libelle: Gut, das Loft ist natürlich das Aushängeschild der Region und mein Resident-Club, Hier spielen die ganz großen DJs und Acts des „Bizz“. Das könnten sich die meisten anderen Läden, welche meistens auch wesentlich kleiner sind, vermutlich gar nicht leisten oder erlauben, die Gagen sind ja teilweise immens und nicht jeder DJ ist hier im Raum für alle Clubs verfügbar. Das Loft gibt es zudem schon seit 20 Jahren und seit 20 Jahren immer mit elektronischer Musik – das haben noch nicht mal das Omen oder das Gray geschafft. Natürlich bekomme ich dort als DJ auch recht ordentliches Feedback von der Crowd und das stärkt natürlich auch. Im Grunde wissen doch einige Leute doch schon ganz genau was sie an uns „Homies“ haben, egal ob das nun Sasch BBC, ich oder sonst wer ist. Zudem gibt es auch noch einen zweiten Floor, den Raucher-Floor, der mittlerweile auch ohne Zigaretten schon ordentlich brennt! =)
Wo möchtest Du gerne einmal auflegen, ob Club oder Festival, hier darfst Du einmal Deine Wünsche aussprechen ;)
Stefano Libelle: Also wenn ihr mir da was besorgen könntet… nein Spaß bei Seite. Natürlich würde ich sehr gerne mal wieder in Frankfurt spielen, da gibt`s ja schon den einen oder anderen Laden und unglücklicherweise wurde mir da gerade ein vielversprechendes Booking kurzfristig gecancelt…so was passiert eben. Berlin steht selbsterklärender Weise auch ganz oben auf der Liste. Aber mindestens ebenso interessant ist für mich Amsterdam, da gibt`s richtig gute Musik, super Künstler und auch ein paar coole Clubs und Festivals.
Zudem habe ich vor kurzem wieder angefangen eigene Musik zu produzieren. Zusammen mit dem Tobi (Der Pender) läuft es so langsam aber sicher richtig rund. Das macht gute Laune und hilft mir dann vielleicht auch irgendwann mal dabei, den einen oder anderen Gig über die lokalen, natürlichen Barrieren hinaus zu verwirklichen! Das geht ja eigentlich nur über Releases und Booking Agenturen. Für mich ist es momentan sehr spannend wieder eigene Sachen spielen zu können und die Reaktionen der Leute zu sehen, woanders vielleicht sogar noch mehr als zuhause. Mal schauen… demnächst wird wohl als erstes mal einen Remix von Steffen Baumann und mir auf „Hertzklopfen“ (Kaiserslautern) geben, danach dann hoffentlich bald ein eigenes Release – ich arbeite jedenfalls stark dran und wir werden sehen was daraus wird…
Wenn Du unsere Interviews ein wenig verfolgt hast, weißt Du, dass jeder Interviewpartner immer eine bestimmte Frage gestellt bekommt. Manche berichten von diversen Ritualen wie beispielsweise Platten sortieren vor dem Auftritt, hast Du denn ein Ritual vor Deinen Auftritten?
Stefano Libelle: Ich gehe eigentlich ungern ohne etwas Neues aus dem Haus – dummerweise spiele ich es dann allerdings in den meisten Fällen nicht – ist wohl ne schlechte Angewohnheit. Ansonsten gibt es da eigentlich nichts erwähnenswertes, ich würde mir nur für mich wünschen ich würde die Zeit vorm Gig nicht immer so vertrödeln.
Wir sind auch schon wieder fast am Ende angekommen, eine Frage habe ich jedoch noch an Dich. Bei welchem Event können wir Dich als nächstes sehen?
Stefano Libelle: Aktuell stehen eigentlich die folgenden Bookings an:
31.10.09 Kopfüber durch die Nacht @ Living Carrè mit DJ Vedat und LautLeise, 07.11.09 Loft mit Paul Kalkbrenner und Blast SL, 14.11.09 a place called funky @ Saphir Grünstadt mit Sasch BBC u.a., 27.11.09 THBN @ Centro Heppenheim mit Lautleise und Falko Richtberg, 28.11.09 LOFT (chamber) Ludwigshafen, diverse Acts und DJs
Vielen lieben Dank Stefano, dass Du Dir die Zeit genommen hast um uns Rede und Antwort zu stehen. Wir wünschen Dir alles Gute für Deine weitere private und musikalische Zukunft.
Stefano Libelle: Keine Ursache, gern geschehen und vielen Dank nochmal. Bis bald!


















